„Von Tsunami kann man nicht sprechen“

22.11.2014

Gründerwoche trifft in Hameln nur auf mäßiges Interesse

Es gibt Termine, zu denen sich nur zwei Leute angemeldet haben“, sagt Hamelns Wirtschaftsförderer Andreas Seidel. Von den sechs Terminen, die in der Rattenfängerstadt im Rahmen der bundesweiten Gründerwoche stattfinden sollten, fielen gleich vier aus. Fast entschuldigend sagt Seidel, an den anderen Veranstaltungsorten in Schaumburg und Holzminden sei es in diesem Jahr ebenfalls schwierig gewesen. Zu den Gründen des mangelnden Interesses vermutet der Wirtschaftsförderer: „Die letzte EU-Fördermittelperiode ist ausgelaufen und die aktuelle hat erst seit einigen Wochen angefangen. Man spricht auch von einem verlorenen Förderjahr.“

Hameln ist kein klassischer Gründerstandort

Die Veranstaltungen der Gründerwoche seien dazu da, Interessierte dazu zu bringen, sich danach bei verschiedenen Einrichtungen weiter beraten zu lassen, sagt Bruno Höwelkröger von der Weserbergland AG. „Dass nicht alle Veranstaltungen stattfinden, ist zwar ärgerlich für einzelne Interessenten, aber insgesamt keine große Enttäuschung für uns.“ Ohnehin rechne niemand damit, „dass wir alle Seminare vollbekommen“.

„Hameln fehlen die wirtschaftlichen Voraussetzungen für viele Gründungen. Hier im Landkreis resultieren die meisten Selbstständigkeiten aus der Arbeitslosigkeit heraus“, gibt Wirtschaftsförderer Seidel zu bedenken. Dorothea Schulz von der Industrie- und Handelskammer (IHK) beschreibt die Gründerszene in der Region mit den Worten: „Von einem Tsunami kann man nicht sprechen.“ Immerhin gebe es aber pro Jahr bei 800 Gewerbeanmeldungen und 700 Abmeldungen ein Plus.

In einem „Workshop Existenzgründung“ sitzen acht Frauen. Viele von ihnen nennen dieselben Gründe, warum sie sich selbstständig machen wollen: Ihnen fällt der Wiedereinstieg in den Beruf nach Zeiten der Kindererziehung oder Pflege naher Angehöriger schwer, sie haben ungrade Lebensverläufe oder sie sind in der ländlichen Region verwurzelt. „Gründen ist ab einem gewissen Alter sehr attraktiv“, meint Kirstin von Blomberg, die den Workshop leitet, „denn man hat bereits Lebenserfahrung und eine Ausbildung. Wer keine Praxis oder einen Fuhrpark braucht, der kann als Freiberufler sofort durchstarten.“

Selbst gut oder sehr gut ausgebildete Frauen finden sich in dem Workshop. Eine ehemalige Wirtschaftsdozentin mit Doktortitel berichtet anonym, dieser sei sogar ein Hinderungsgrund, um eine Festanstellung zu finden: „Viele Chefs haben Probleme mit Qualifikationen und eigener Meinung. Der potenzielle Mitarbeiter kann schließlich nicht besser sein als der eigene Chef.“ Eine andere Teilnehmerin, die ihren Namen ebenfalls nicht in der Zeitung lesen möchte, war bereits in einem Bankvorstand in Osteuropa. In Deutschland käme sie in eine derartige Position nicht, weil ihr die formale Ausbildung dafür fehle. Sie meint: „Ich habe 700 Bewerbungen geschrieben und genau so viele Absagen bekommen. Wenn irgendwelche Formalien nicht stimmen, wird sofort aussortiert.“

Dass Frauen immer noch weniger gründen als Männer, beklagt Kirstin von Blomberg, die selbst eine der Leiterinnen der Koordinierungsstelle Frau und Wirtschaft ist. „Frauen brauchen besondere Förderung, denn durch Erziehungs- und Pflegezeiten kommen sie nur auf 600 Euro Durchschnittsrente hier in der Region.“

Den Gründerinnen im Workshop geht es vor allem darum, die Komplikationen, die eine Selbstständigkeit mit sich bringt, besser zu verstehen. Besonders darüber, wie sie sich absichern können und welche Formalien es zu beachten gilt, herrscht Unklarheit. Von Blomberg empfiehlt jedem, sich bei der Deutschen Rentenversicherung und den Krankenkassen zu informieren. Eine Haftpflichtversicherung müssen Selbstständige unbedingt haben. Wer die Möglichkeit bekommt, ein bereits bestehendes Unternehmen zu übernehmen, sollte dies tun. Denn viele müssten schließen, weil sie keinen Nachfolger finden. Und für Käufer sei die Unternehmensstruktur dann schon vorhanden. So argumentieren auch die Handwerkskammer und die IHK. Bereits seit einigen Jahren vermittelt die IHK Kontakte von Unternehmensinhabern, die wegen fehlender Familiennachfolge verkaufen wollen, und Gründungsinteressenten, die zu übernehmen bereit sind.

Freiberufler müssen eine Eignung für ihren Beruf vorweisen

Grundsätzlich gilt, wer freiberuflich tätig sein will, der braucht eine Qualifikation, die ihn zur Ausübung des Berufs befähigt. Wer hingegen etwas verkaufen oder herstellen möchte, der muss ein Gewerbe anmelden. Die Anmeldung beim Finanzamt ist beim Start in die Selbstständigkeit ohnehin immer der erste Schritt. Dort wird man auch beraten, meint Blomberg: „Wer sich gut erkundigt und beraten lässt, der braucht auch nicht unbedingt einen Steuerberater.“ Bezieher von Leistungen der Arbeitsagentur oder des Jobcenters haben Chancen, für eine gute Geschäftsidee von der Behörde Zuschüsse zu bekommen.

Quelle: DEWEZET, 22. November 2014

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